>

Traumküchen und Steckdosen | Marie Jubin | d

Viper: CD-ROM und Internet, der internationale Wettbewerb
Basler Zeitung, 27.10.00:

Die Arbeiten auf CD-Rom und die Webpräsentationen zwingen den Betrachter, seine passive, konsumierende, untätige Position zu verlassen. Hier geht es um 'Real Interaction'; hier wird nach Lust und Laune redesignt, verändert und hinterfragt. Längst geht es nicht mehr um das Entdecken und Erkunden natürlicher Räume. In diesen virtuellen Orten scheint kein Naturerlebnis gewünscht, keine Luft, keine Sonne, denn die wären digital sowieso noch schöner als in der Reralität. Hier werden künstliche Bit- und Pixel-Welten dem Betrachter oder viel mehr Benutzer oder Akteur zur Erforschung freigegeben. Neugierde ist durchaus erwünscht.

Die Arbeit 'displacements' des Österreichers Timo Novotny (vidok), ursprünglich als 'screensaver' konzipiert, spielt mit Versetzung, Verschiebung, Verlagerung und Verrückung. Der Betrachter verlässt seine ursprüngliche Position und wird zum direkten Dirigenten und Einflussnehmer seiner neuen Position. Die Fotografien, die Novotny in Tokyo aufgenommen hat und die auf dem Bildschirm in viele einzelne Segmente aufgeteilt sind, werden durch Mausbewegung mobil gemacht, verrückt und verschoben.

Jede Bewegung löst auf, versetzt und lässt gleichzeitig neue Räume entstehen, zappelnd und doch statisch vor dem Bildschirm. Displacements im doppelten Sinn. Sound-loops der Orte wo die Bilder aufgenommen wurden, begleiten und erleichtern das Zeitreisen, steuern teilweise sogar die Mausbewegung gefühlsmäßig, quasi intuitiv. Und für einen Augenblick scheint es, als hätte man eine Antwort auf die Frage 'how do we move?'

Und schon ist es passiert, wie Novotny an seiner Präsentation gestern selbst sagte: 'I got lost in these things. This isn´t bad, it has to be. But i got lost.' In der digitalen Archäologie sich verändernder Räume werden Verweise zu Orten, zu Kreationen der eigenen Fantasie. Und   dies geschieht nie ohne unser aktives Dazutun. Doch Freude an dieser Entwicklung werden nur diejenigen haben, deren Set an Werkzeugen für diese lange Reise stimmt.