Aktuelle österreichische Musikvideoproduktionen
Die allwöchentliche »Cinemasonic_Lounge« im Wiener Schikaneder Kino ist seit April Plattform für experimentelle Videoarbeiten und elektronische Musik. Sie schenkt den neuen visuellen Arbeiten der österreichischen Multimedia-Szene eine ÷ffentlichkeit im relaxten Clubambiente. Auch immer mehr Filmfestivals ñ so zuletzt auch die österreichische »diagonale« ñ setzen Schwerpunkte im nichtkommerziellen Musik/Video/Kunstbereich, und Visuals, die im Club als Beiwerk zur Musik starteten, mausern sich zum digitalen Schauraum. Eine Momentaufnahme über die aktuelle Musik/Video-Szene und deren Produktionsmethoden.
»Cargo« heißt das neue Album der Sofa Surfers, und ihre
Videofabrikanten monoscope haben soeben ein dreiteiliges Video zu den Tracks »knives&bombs&guns«, »beans&rice« und »the
low rider« fertiggestellt: eine Fortsetzungsserie im Hongkong-Movie-Style,
gedreht in Tokyo, wo eine in der U-Bahn liegengelassene ominöse DJ-Tasche
die Hauptrolle spielt, eine Verfolgungsjagd mit einem japanischen Club-Kid
als zweiten Protagonisten. Die für Party-Visuals zuständige Gruppe
mvd jagt in »blendax01« ein Close-up einer Sixties-Schönheit
durch den Videowolf, überblendet die Schlafende mit urbanen Szenarien
und rüttelt uns sanft mit einem unterlegten spanischen Trauermarsch wach.
In ihren Multimedialaboren basteln monoscope, mvd und die Videoband skot fleißig
an digitalen Environments. Sie bearbeiten am Computer Bild und Ton als gleichwertige
Information. Sie bedienen sich hybrider Produktionstechniken, die sie mit denen
der DJs und Soundheimwerker elektronischer Musik verbindet: Rhythmisch generierte
Loops und Samples aus Originalmaterial und Found-Footage sowie Computeranimationen
evozieren eine neue eigenständige visuelle Sprache. Die Konzentration
liegt auf der Erforschung des Mediums, von (Ab)Bild und Ton, dort wo konventionelle
Grenzen virtuell aufgehoben werden und sich von der herkömmlichen MTV-?sthetik
unterscheiden.
Die aktuelle österreichische Musikvideoszene formiert sich mit ihren Produktionen
gegen die gängige Implikation, Videoclips müßten sich als kuschelweiche
Werbeträger für Musikprodukte lesen lassen. Axel Stockburger, zuständig
für die Videos des Wiener Labels subetage, vormals sabotage, geht es auch
darum, »Bildmaterial zu verwenden, das in gewisser Weise neben den Erwartungen
einer bestimmten Musikszene oder deren Publikum liegt.« So kombiniert
Stockburger in seiner Arbeit sehr hart und rhythmisch geschnittene Bilder,
wie etwa die eines Konzerts der Gruppe Kiss mit Stroboscope-Aufnahmen von elektronischem
Equipment. Stockburger hat vor drei Jahren begonnen, für den Drum'n'Bass-Club »alien
bass« Visuals zu machen. Jene künstlerischen Produktionen, die ihm
im Galeriekontext als Sackgasse und »Duchamp-Faktor« erscheinen,
hat er in den Club verlagert. Bestimmte Videoarbeiten stehen eben in einer
besseren Symbiose zu einer audiovisuellen DJ-Kultur-Landschaft, wo die Trennung
zwischen Visuals und Musik in jedem Fall unschärfer wird.
Im Haus des Wiener Elektronik-Labels Mego wartet man auch nicht auf das Video-Abspielangebot von Musiksendern. Die bildmäßige Umsetzung hausinterner Musik-Releases hat die Videoband skot, bestehend aus Farmers Manual-Mitglied Mathias Gmachl und Mego-Chefdesignerin Tina Frank, selbst in die Hand genommen. Soeben ist ihre Videokompilation »The Mego Videos 96-98« erschienen, die über den virtuellen Plattenladen m.dos zu beziehen ist. Die skot-Videos zur Musik von Fuckhead, Fennesz, Potuznik und anderen verweisen auf die brüchige Arbeitsmethode der MacherInnen, deren Ästhetik im Grafikdesignbereich ihren Ursprung hat. Wenn die Laptop-Musiker Farmers Manual ein Konzert absolvieren, generieren sie ihr Audio- und Videomaterial live am Computer. Die Systeme arbeiten in Echtzeit, um einen direkten Zugriff in das laufende Geschehen zu ermöglichen. Ihr Video »live_fm-Encoder_34:1 recorded in fylkingen/stockholm«, dokumentiert in geraffter Form, wie digitale Sound- und Videopatterns zum zufälligen Club-Event verschmelzen.
Videokompilationen wie »The Mego Videos 96-98« oder die bei der diagonale 99 gezeigten Programme »Austrian Abstracts« und »Musik/Videoprogramm« liefern ein nicht gegenständliches, nicht narratives Interface zwischen lokaler Musikproduktion und ihren visuellen IngenieurInnen. Da vernetzen sich undogmatisch - und in ständiger Transformation befindlich - VJs, DJs, GrafikdesignerInnen, MusikerInnen und Labels.
www.monoscope.co.at
www.mvd.org
www.skot.at
www.farmersmanual.co.at
http://members.magnet.at/springerin/d/springer_38/springer_38_587.htm